Skintimacy: Die elektrisierte Haut als Musikinterface
Bibliographic record
Abstract
Skintimacy ist ein Instrument fur gemeinschaftliches, elektronisches Musizieren, das als alternatives Musikinterface Performances bereichern und als Forschungsprototyp zur Untersuchung von Interaktionsweisen dient. Wir stellen unsere Intention vor, beschreiben die Bestandteile des experimentellen Instruments und diskutieren die spezifische, korperabhangige Rollenverteilung der Musizierenden fur die Klangsteuerung sowie die aufkommenden Fragen zur Veranderung der Intimspharen durch technisch-funktionales Einbeziehen der Hautoberflache. 1 Einleitung – Die Rolle des Korpers Forscher und Designer aus den Bereichen der Human-Computer-Interaction und des Themenfeldes Musical Interfaces for Musical Expression bekunden seit einigen Jahren ein gesteigertes Interesse an der Rolle des menschlichen Korpers bei der Interaktion mit computergesteuerten Prozessen. In dem weitlaufigen Forschungsfeld Embodied Interaction wird der jahrelangen Vernachlassigung menschlicher physiologischer und perzeptiver Eigenschaften bei der Entwicklung von Interfaces Rechnung getragen. Das theoretische Fundament dazu besteht haufig aus Interpretationen phanomenologischer Philosophie, z.B. von Heidegger, Merleau-Ponty und Thompson [Do01]. Auf praktischer Seite ist – auch aufgrund der Miniaturisierung technischer Bauteile – eine Auflosung klassischer, physikalischer Grenzen zwischen dem menschlichen Korper und Geraten feststellbar. Folglich eroffnen diese transformativen Phanomene im Umgang mit Geraten und Instrumenten „Zwischenraume“, die neue, alternative Interaktionsszenarien moglich machen und die nicht nur zwischen Mensch und Instrument, sondern auch zwischen kommunizierenden und musizierenden Menschen entstehen. Fels beschreibt inwiefern sich bei der Gestaltung neuer Musikinterfaces Interaktionsszenarien und die Beziehung zwischen Mensch (person) und Instrument (object) auf Spielverhalten, kunstlerischen Ausdruck und Ergebnis auswirken [Fe04]. In unserer Arbeit wollen wir jedoch die Beziehung zwischen den Musizierenden wahrend einer gemeinsamen Performance unter Verwendung eines Haut-Musikinterfaces untersuchen. Hierbei wird ein Spieler mit seiner Korperbewegung und seinem Tastorgan nicht nur Ausloser der musikalischen Aktion sondern auch wesentlicher Bestandteil des Interface. In Bezug auf die menschliche Haut als Eingabeoberflache prasentierten die Forschungsprojekte „Skinput“ [HTM10] und „Sixth Sense“ [MMC09] Beweise technologischer Realisierbarkeit. Unsere Arbeit wurde neben nutzerorientierten Designansatzen aber auch von alternativen, experimentellen Musikinterfaces inspiriert. Bei Michel Waisvisz’ Entwicklung „Cracklebox“ fungiert die Haut als elektrischer Leiter und somit als integrierter Bestandteil des Instruments [Wa75]. Weitere Beispiele, die sich die menschliche Hautleitfahigkeit in Musikinterfaces zu Nutze machen sind „Freqtric Drum“ [Te07], „Ground me!“ [Ja10] und Daniel Brinkmanns Installation „Skinstruments“ [Br]. 2 Embodied Interaction und die Frage der Intimsphare Wenn der menschliche Koper innerhalb gestalterischer und forschender Initiativen durch die Nutzung der Haut als Interface eine andere, neue Rolle erhalt, tritt in der Anwendung bei Nutzern bzw. Musikern zwangslaufig die Erfahrung sich verandernder individueller Privatspharen zutage – spatestens bei zwischenmenschlicher Kommunikation durch Hautberuhrung und -kontakt. Benthien stellt fest: “historically [...] tactus was understood early on in the sense of intimacy, since [...] it essentially precludes a collective experience.” [Be02] Abbildung 1: Performance Skintimacy Mit Hilfe dieses experimentellen Instruments sollen nicht nur die Erzeugung und Manipulation elektronischer Musik bei Performances fur das Publikum durch die Bewegungsablaufe und Beruhrungen nachvollziehbarer gestaltet werden, sondern auch private Grenzverschiebungen durch subjektiv horund fuhlbare Erlebnisse aufgezeigt werden. Durch die technische Weiterentwicklung unseres ersten Prototypen entstehen zum einen alternative musikalische Ausdrucksmoglichkeiten. Zum anderen folgen durch beobachtete Ausstellungen und Einsatze von Skintimacy soziologische und psychologische Fragestellungen [MFR11]. Diese sind bezuglich der Entwicklung von hautbasierten (Musik-)Interfaces relevant. 3 Interaktionsszenarien und ihr Mapping Skintimacy ist ein Instrument mit dem sowohl eine Klangsynthese gesteuert als auch geloopte Samples manipuliert werden konnen. Jeder Musizierende ubernimmt eine spezifische Funktion im gemeinschaftlichen Spiel, die uber Aufnahme eines unmittelbaren Hautkontakts zu einem „Master“ horbar wird (siehe Abb. 2). Mit dem Instrument verbundene SpielerInnen werden Bestandteile verschiedener Stromkreislaufe, die durch beruhren des „Masters” geschlossen werden. Nicht angeschlossene Personen konnen durch Hautkontakt mit verbundenen SpielerInnen und dem „Master“ eine Uberbruckungsfunktion einnehmen, die Ihnen eine identische Interaktion erlaubt. Die hierarchische Struktur mit der unvermeidlichen Rolle des „Masters“ ist im momentanen Entwicklungsstand technischen Einschrankungen verschuldet. Die Form der Interaktion kann durch Variation der Beruhrungsintensitat und -dauer sowie der Bewegungsgeschwindigkeit das Horerlebnis beeinflussen. So kann nicht nur die Modulation einer FM-Synthese verandert werden, sondern auch die Abspielgeschwindigkeit eines geloopten Samples. Diese Interaktionweise folgt dem Vorschlag von Essl und O’Modhrain, bereits subjektiv erfahrene, bedeutungsvolle Zusammenhange zwischen der Aktion und horbarem Ergebnis zu schaffen [EO06]. Wie wir wahrend Performances mit Skintimacy beobachtet haben, erscheint dem Performer z.B. in Abhangigkeit taktiler oder beobachteter Erfahrungen mit dem „Scratchen“ von Schallplatten das Fuhlen, Ertasten und Bedienen einer Oberflache und der damit verbundenen Klangerzeugung plausibel. Abbildung 2: Schematischer Aufbau des Prototyps Charakteristisch fur die direkte Interaktion durch gegenseitigen Hautkontakt ist – im Gegensatz zu den meisten digitalen Musikinterfaces – dass sich die Oberflache des Instruments, also der Korper eines/einer MitspielerIn durch die sich beruhrenden Akteure in seiner Form permanent verandern kann. 4 Der Aufbau des Instruments Der technische Aufbau von Skintimacy setzt sich wie folgt zusammen: Die Werte der Hautwiderstandsmessung werden mit Hilfe des Arduino-Boards an einen PC weiterleitet. Dort finden das Mapping und die Klangsynthese unter Verwendung der ___________________________ 1 Frequenzmodulationssynthese (FM-Synthese) ist ein Modulationsverfahren, bei dem durch mindestens zwei Oszillatoren die erste Frequenz (bzw. bei mehreren Oszillatoren das Frequenzspektrum) von der Frequenz des zweiten Oszillators reguliert wird. Entwicklungsumgebung Pure Data statt. Der horbare Output des Instruments, also die gemeinsam gespielte Performance, hangt von individuellen Hauteigenschaften und verschiedenen Einflussen wie z.B. Feuchtigkeit ab. Somit ist eine reliable Kontrollierbarkeit der Klangmodulation stark eingeschrankt. Das hier vorgestellte Instrument basiert auf dem Konzept eines ersten Prototyps und beinhaltet folgende wesentliche Weiterentwicklungen [MFR11]: • Bis zu funf Spieler konnen durch Elektroden mit dem Gerat verbunden werden • Eine Zuteilung personen-spezifischer Steuerung von Effekten ist moglich • Neben MIDI-OUT Signalen zur Anwahl von Samples und deren Lautstarkeregelung kommt die direkte Steuerungsmoglichkeit von FMSynthese, Sample-Abspielgeschwindigkeit und weiteren Effekten wie z.B. Reverb und Balance hinzu • Feinjustierung zur Anpassung der Hautleitfahigkeit an den Sensor • Variationen zur Verdrahtung der Musizierenden: Klett-Armband, Fingerring, gewebtes Armband mit leitendem Garn, Einweg-Klebeelektroden 5 Beobachtungen und Schlussfolgerung Anhand des Instruments Skintimacy wird illustriert, dass mit einer bekannten Technologie, der Verwendung der Hautleitfahigkeit, neue Instrumente und Interaktionsszenarien entworfen werden konnen. Diese haben aufgrund der Unsichtbarkeit technischer Bestandteile und ihrer unmittelbaren, greifbaren Interaktion mit den MitspielerInnen haufig eine begeisternde Auswirkung auf experimentelles Musizieren. Streichel-, Schlagund Klopfbewegungen sowie vereinzelt Kusse sind Beispiele zwischenmenschlicher Gesten, die bei unseren Beobachtungen spontan zur Performance – auch unter Unbekannten – wurden. Deshalb sollte beim Gestalten kollektiver Hautinterfaces das Phanomen sich verandernder Intimspharen bedacht und der situative, kulturelle und psychologische Anwendungskontext berucksichtigt werden. Literaturverzeichnis [Be02] Benthien, C., Skin – on the cultural border between self and the world, Columbia University Press, 2002. [Br] http://www.daanbrinkmann.com, [Zugriff 03. Mai 2011] [Do01] Dourish, P., Where the Action is, MIT Press, 2001. [EO06] Essl, G., and OʼModhrain, S., An enactive approach to the design of new tangible musical instruments. In Organised Sound 11, no. 03, 2006. [Fe04] Fels, S., Designing for Intimacy: Creating New Interfaces for Musical Expression. In Proceedings of the IEEE 92, no. 4, Vancouver, Canada, 2004. [HTM10] Harrison, C., Tan, D., Morris, D., Skinput: Appropriating the Body as an Input Surface. In Proceedings of CHI 2010, Atlanta, USA, 2010. [Ja10] Jaimovich, J., Ground Me! An Interactive Sound Art Installation. In Proceedings of NIME 2010, Sydney, Australia, 2010. [MFR11] Muller A., Fuchs J., Roepke K., Skintimacy: Exploring Interpersonal Boundaries through Musical Interactions. In Proceedings of fifth TEI Conference, Funchal, Portugal, 2011. [MMC09] P. Mistry, P. Maes, L. Chang. WUW Wear Ur World A Wearable Gestural Interface. In Proceedings of CHI 2009, Boston, USA, 2009. [Te07] Tetsuaki, B. et. Al., Freqtric drums: a musical instrument that uses skin contact as an interface. In Proceedings of NIME 2007, New York, USA, 2007. [Wa75] http://www.crackle.org/CrackleBox.htm [Zugriff 05. Juli 2011]
Fetched live from OpenAlex and de-inverted. Abstracts are not stored in this database: the inverted indexes are 8.6 GB of the frame’s 9.3 GB of text, and the host has 13 GB free.
How this classification was reachedexpand
Full frame distilled prediction
Teacher imitationNot calibrated prevalence, not ground truth. Human validation pending. Learned from the 10,348 direct Codex labels and 10,348 direct Gemma labels. Candidate is the union of thresholded teacher heads; consensus is their intersection. These outputs are machine_predicted_unvalidated and are not human labels or direct frontier model labels.
Codex and Gemma teacher scores by category
| Category | Codex | Gemma |
|---|---|---|
| Metaresearch | 0.001 | 0.000 |
| Meta-epidemiology (narrow) | 0.001 | 0.001 |
| Meta-epidemiology (broad) | 0.001 | 0.001 |
| Bibliometrics | 0.001 | 0.001 |
| Science and technology studies | 0.001 | 0.000 |
| Scholarly communication | 0.001 | 0.002 |
| Open science | 0.003 | 0.002 |
| Research integrity | 0.001 | 0.002 |
| Insufficient payload (model declined to judge) | 0.002 | 0.011 |
Machine scores (provisional)
The two teacher heads of the student model, read on this work. A score orders the frame for review; it never asserts a category, and the validation status ships verbatim with every row.
Baseline scores from an immature model (maturity gate not passed, 7 training rounds). Scores rank; they never assert a category.
score_only:v0-immature-baseline · verbatim from the scoring run: score_only means the number may rank works, and no category label ships from itClassification
machine, unvalidatedMachine predicted; both teacher heads agree on what is shown here.
How this classification was reached, model by model and score by score, is at the end of the page under "How this classification was reached".